WOMAN – Magazin: Selbstführung. Was ist das?

Text ist erschienen im WOMAN BALANCE Magazin / Ausgabe Sommer 2024 / Autorin: Nicole Hobiger-Klimes 

SELBSTFÜHRUNG.

Was ist das?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass wir durch Selbstführung erfolgreicher, reflektierter und gelassener werden. Aber wie lässt sich diese Kompetenz stärken? Das möchte ich hier erklären – unter anderem anhand persönlicher Erlebnisse.

Die Schönheit eines Moments wahrnehmen, darin aufgehen und verweilen. Das kann ein Spaziergang durch die Natur sein oder die Tasse Tee am Fenster. Diesen Situationen Raum zu geben – das ist bereits Selbstführung. Dabei klingt es zunächst wie ein Widerspruch: Bei Selbstführung geht es doch eigentlich um Disziplin und nicht ums Treibenlassen. Für mich bedeutet Selbstführung eben die Balance zwischen beidem. Die Fähigkeit, mich zu Dingen bewusst zu motivieren, die mir vermeintlich schwerfallen, und die Kunst des Geschehenlassens.

Auszeit vom Gewohnten: Nur meine Familie & ich

Als ich meinen Mann fragte, was wir uns zum 40. Geburtstag schenken sollten, platzte es nur so aus mir heraus: „Zeit! Mehrere Monate Zeit.“ Einfach mal raus, ohne Ziel. Nur ich und meine Familie. Während das ungewisse Abenteuer näher rückte, entschied ich mich, nicht nur auf die berufliche Stopptaste zu drücken, sondern auch gewisse Muster zu durchbrechen. Ich wollte sieben Monate ohne Social Media, E-Mails, Podcasts und telefonische Erreichbarkeit. Jetzt war Selbstführung gefragt, bewusstes Entscheiden und Loslassen.

Im Oktober 2022 begann unser Abenteuer. Wir bereisten Island per Van, lebten drei Monate auf einer kleinen Insel im Indischen Ozean (200 m breit, 1 km lang) und in Südafrika (siehe Bilder). Ein Lebenstraum. Mein Smartphone verstummte und ich konnte die isländischen Gletscherseen, die faszinierende Unterwasserwelt der Malediven und Nächte unter dem Sternenhimmel in Südafrika erleben – ohne an das perfekte Instagram-Foto zu denken. Die digitale Auszeit ermöglichte es mir, eine tiefere Verbindung zu mir selbst und zur Natur herzustellen. Was sich zunächst ungewohnt anfühlte, wurde nach einigen Tagen selbstverständlich. Und brachte mich dazu, mich elf Tage zu Fuß durch den unberührten Busch Afrikas zu bewegen.

Selbstführung – tief in uns verankert

Wie bereits der berühmte „Marshmallow“-Test in den 1960er-Jahren zeigte: Schon Kinder können über die Kompetenz der Selbstführung verfügen. Sie ist ein Teil von uns. Der Neurowissenschaftler Joachim Bauer hält in seinem Buch „Selbststeuerung“ fest, dass mit Beginn des dritten Lebensjahres die oberen, dorsalen Bereiche des präfrontalen Cortex heranreifen. Ganz langsam lernen wir, Impulse zu kontrollieren: nicht sofort etwas haben müssen, sondern „diszipliniert“ darauf warten können. Dies muss natürlich liebevoll, geduldig und bedürfnisorientiert begleitet werden. Erst im Erwachsenenalter können wir die Potenziale des präfrontalen Cortex voll ausschöpfen.

Nein sagen lernen: ein wichtiges Element der Selbstführung

Sie kennen das sicher: Man hat sich gerade in ein Projekt vertieft und plötzlich kommt eine E-Mail rein: „Kannst du kurz einspringen und Aufgabe XY übernehmen?“ Unsere Reaktion ist vielleicht: Okay, ich mach das schnell. Besser ist es, in diesen Momenten zu hinterfragen, ob ich mich nicht lieber in Ruhe und ohne Unterbrechung dem ursprünglichen Thema widmen möchte. Kommunizieren Sie das und geben Sie an, ab wann Sie wieder Zeit für andere Projekte haben. Nein zu sagen, kostet Mut und ist ein wichtiges Element der Selbstführung.

Für Neurowissenschaftler Joachim Bauer liegt wahres Glück darin, selbstbestimmt über das eigene Leben zu entscheiden und danach zu handeln. Wir brauchen uns nicht anzupassen, sondern dürfen uns treu bleiben und nach den eigenen Werten leben. Unser wichtigster Weg- weiser: der innere Kompass.Was sich richtig anfühlt, ist es meist auch.

Glück hat zudem wenig bis überhaupt nichts mit Konsum zu tun. Das zweite Packerl Chips, der Kauf der siebenten Jeanshose oder die Likes un- ter einem Social-Media-Post können uns kurzfristige Befriedigung bringen. Stärker anhalten- des Hochgefühl erfahren wir dann, wenn wir uns langfristige Ziele setzen und darauf hinarbeiten. Selbstführung unterstützt uns dabei, dass wir persönlich wachsen und den „Entscheidungsmuskel“ stärken.Wir bestimmen immer mehr, was wir konsumieren oder weglassen.

Es geht keineswegs darum, jedem Genuss zu widerstehen, sondern uns bewusst für gezielten Genuss zu entscheiden: Das gönne ich mir jetzt! Das gehört in meinem Leben absolut dazu.

Disziplin als Selbstliebe?

Vor zwei Jahren habe ich mit 570 Teilnehmen- den eine Umfrage zum Thema (Selbst-)Disziplin durchgeführt. Erstaunlich war, dass die Mehrheit der befragten Personen den Begriff „Disziplin“ als positiv wahrnahm. Doch ganze 61 Prozent wünschten sich mehr Selbstdisziplin. Für mich sind sinnhafte Disziplin, mentale Ausrichtung und Reflexion der Schlüssel zur Selbstführung. Damit meine ich keine harsche Eigenkontrolle, die man vielleicht aus veralte-ten Erziehungsmustern kennt. Ich meine eine liebevolle Selbstdisziplin, die mir dabei hilft, kraftvoll durchs Leben zu gehen. Es geht nicht darum, mich auf mehr Leistung zu trimmen, sondern etwas hervorzukitzeln, das nur am Rande der Komfortzone entdeckt werden kann. Hilfreich dabei: immer wieder Auszeiten planen, in die Kraft der Stille kommen. In der Stille offenbaren sich Wünsche und Erkenntnisse, die zuvor keinen Raum hatten.Wir können lernen, unser Leben von innen heraus zu gestalten – selbstbestimmt und ohne die Erwartungen von außen.