WEIL WIR VORBILDER BRAUCHEN

Für mich gab es nie nur ein Vorbild oder moderner ausgedrückt: Rolemodel. Ich lasse mich von vielen Menschen inspirieren – tagtäglich. Positive Beispiele kann man in der Familie, in der Wissenschaft, im Freundeskreis, im Job, in Filmen, auf Reisen oder in Büchern finden. Sie zeigen uns all die Möglichkeiten auf, die es auf dieser Welt gibt. Studien belegen, dass Vorbilder wichtig sind. Sie können helfen, unsere Motivation zu steigern, Ziele zu visualisieren und unsere Werte zu festigen. Ich möchte an dieser Stelle von einer Frau erzählen, die mich sehr berührt und inspiriert hat. Sie war schon eine Influencerin, als es Instagram noch gar nicht gab.

Vor über zehn Jahren habe ich ein Buch gelesen, nein, verschlungen. Der Titel: Cave in the Snow. Es erzählt die Geschichte von Tenzin Palmo, einer buddhistischen Nonne aus London, die 12 Jahre in einer Gebirgshöhle im Himalaya lebte. Die Höhle war etwa drei Meter breit und zwei Meter tief. Tenzin Palmo versorgte sich selbst, grub sich bei starkem Schneefall einen Lufttunnel ins Freie, um genug Sauerstoff zu bekommen und schlief nachts nur drei Stunden. Im Sitzen. Wer ist diese Frau?

1964, entschloss sich die 20-jährige Buddhistin Tenzin Palmo, nach Indien zu reisen. Hier bewies sie, dass Rückzug und Meditation kein Gegensatz bilden zu großen und mutigen Taten. 1976 zog sie sich in die Höhle im Himalaya zurück – für 12 Jahre. Danach lehrte sie in buddhistischen Zentren. Sie beobachtete ein Ungleichgewicht: Häufig wurden nur die Mönche unterrichtet und die Nonnen verrichteten Haushaltsarbeit. Sie erhielten keine Möglichkeit zum tiefergehenden Studium. Tenzin Palmo setzte sich das Ziel, Frauen im Buddhismus zu stärken.

In ihr wuchs die Idee, eine Nunnery zu gründen, in der sich Frauen dem Studium des Buddhismus widmen und ihr Wissen weitergeben können. Eine Mammutaufgabe. Wie sollte sie das finanzieren? Tenzin Palmo reiste um die Welt, hielt Vorträge, begeisterte andere für ihre Idee und fand freiwillige Helfer:innen. Im Jahr 2000 öffnete sie schließlich die Nunnery Dongyu Gatsal Ling in Himachal Pradesh in Indien. Damit setzt sie ein starkes Statement: Praxis, Community-Führung, Fokus auf innere Verwirklichung und Gleichstellung der Frauen in der Gesellschaft – sie packt alles in einem Leben an. Das nenne ich Empowerment.

Ein Jahr nach der Lektüre des Buchs war ich in dem indischen Bergort Dharamsala, dem Wohnsitz des Dalai Lama. Im Anschluss fuhr ich in die Nunnery von Tenzin Palmo. Die ganze Fahrt über war ich nervös. Als ich ankam, war es wie in einer anderen Welt – ganz anders als im belebten Dharamsala: Die Ruhe, die schüchterne Fröhlichkeit im Mini-Sekretariat, das Lächeln der Nonnen, die Fahnen, die im Wind wehen, der hellblau strahlende Himmel.

Schließlich habe ich allen Mut zusammengenommen und Tenzin Palmo in unserem ausführlichen Gespräch um ein Foto gebeten. Mehr wollte ich gar nicht, eine Erinnerung an diese besondere Begegnung. Sie nahm sich viel Zeit und wir unterhielten uns auf Augenhöhe. Für sie war das sicher nichts Neues, für mich aber etwas ganz Besonderes. Sie ist ein Mensch wie jeder andere auch – nur mit einem sehr trainierten Mind und einem geballten Einsatz für die Sichtbarkeit von Frauen. Sie hat eine Lücke erkannt und setzt seitdem alles daran, den buddhistischen Nonnen mehr Gleichberechtigung zu verschaffen. Mittlerweile leben und studieren mehr als 100 Frauen in ihrer Nunnery.

Tenzin Palmo begann als Suchende. Heute ist sie buddhistische Nonne, Wegweiserin und eine internationale Berühmtheit. Sie ist aufgrund ihres ruhigen Wesens, der menschlichen Reife und unerschütterlichen Willenskraft ein wirksames weibliches Vorbild. Die sogenannte Shamatha Meditation habe ich durch sie entdeckt und gebe sie seit Jahren in meinen Silence-Retreats weiter.

5 wirkungsvolle Dinge, die wir von Tenzin Palmo lernen können:

  1. Trauen wir uns, auch schwierige Wege zu wählen.
  2. Wir sollten unser Wissen weitergeben und über Missstände sprechen.
  3. Es erfüllt, anderen den Weg aufzubereiten, auch wenn es bedeutet, dass man es selbst steiniger hat.
  4. Wir dürfen nach Unterstützung Ausschau halten und diese annehmen.
  5. Eine Person ist immer die Erste – glauben wir an unsere Ideen.

 

Über die Autorin und Wirkschafferin

Ing. Mag. Nicole Hobiger-Klimes ist Business- und Leadership-Coachin, Ausbilderin für Meditation & Achtsamkeit, mehrfache Journal-Autorin sowie Unternehmensberaterin. Ihre Spezialgebiete: Stille und Selbstführung! Mit der Rede „Stille lügt nicht“ gewann sie mehrfache Awards (2021). Mit ihren Masterminds bietet sie Selbständigen ein Netzwerk und berufliches Sprungbrett. Früher hat die ehemalige Karate-Sportlerin für die Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie gearbeitet. Heute setzt sie selbst mit ihrer Plattform DIE WIRKSCHAFFER:INNEN ein Zeichen für Female Empowerment.