WEIL WIR STARK SIND

Selbst im 21. Jahrhundert würden viele Menschen diesen Satz noch immer unterschreiben: „Männer sind das starke Geschlecht“. Ich bin der festen Überzeugung, dass es so etwas nicht gibt – keine Geschlechtergruppe ist per se stark. Denn wie wird diese Stärke gemessen? Im Durchschnitt haben Frauen weniger Muskelmasse als Männer und andererseits leben wir durchschnittlich länger. Was soll also dieser ständige Vergleich? Wo führt er hin?

Vergleiche über Äußerlichkeiten halten uns auf, schaffen Distanz und Vorurteile. Da ich eine technische Ausbildung an einer HTL absolvierte habe, weiß ich aus erster Hand, dass es zahlreiche technisch hochbegabte Frauen gibt, die sich liebend gern in Mathematik oder die Statik von Gebäuden vertiefen. Wer hätte das gedacht? Schon wieder ein Vorurteil, das wir getrost in den Mistkübel befördern dürfen.

Eine Frau, die sicherlich wegen ihres Äußeren oft falsch eingeschätzt wurde, traf ich vor wenigen Wochen in Ahmedabad in Indien. Wir waren beide zu dem 11-tägigen Retreat Gandhi 3.0 eingeladen, welches jährlich von der internationalen NGO Service Space organisiert wird. Mehrere Hundert Freiwillige machen dieses Ereignis für 80 globale Persönlichkeiten möglich. Dort traf ich also Sarah Tulivu – und ihren Beruf errät man vermutlich nicht beim ersten Versuch. Sie ist eine zarte Erscheinung und zugleich zählt sie zu den stärksten Frauen, die ich je getroffen habe. Nicht aufgrund ihrer Muskelmasse, sondern wegen ihrer inneren Stärken.

Sarah stammt ursprünglich aus Kanada und hat mich vom ersten Moment an inspiriert. Es fühlte sich so an, als würden wir uns schon ewig kennen. Sie hatte einen ähnlichen Gedanken. Zufall? Diese zierliche Frau mit ihrer feinen Art und sanftmütigen leisen Stimme ist alles andere als schwach. Sarah hat sich mit 16 Jahren auf in die weite Welt gemacht, um zu helfen. Wie viele Jugendliche kennen Sie mit diesem Berufswunsch? Ihren 18. Geburtstag verbrachte sie in einem Slum Afrikas.

Kindern in Krisenzeiten wollte Sarah zur Seite stehen. Als sie in einem Slum in Nairobi, Kenia, arbeitete, brach Krieg aus. Im Podcast-Interview mit Service Space berichtet sie, wie sie sofort eine Nachricht bekam, dass einige der Helfenden ausfliegen würden und sie das natürlich auch könne. Sie entschied sich dagegen. Genau jetzt brauchten sie die Kinder doch am meisten. Sie werde bleiben, so ihre Antwort. Was für eine Stärke! Sie war von Gewalt umgeben, Unsicherheit und Bedrohung des eigenen Lebens. Und sagte trotzdem: „Ich bleibe, hier werde ich gebraucht“. Mich beeindruckt das enorm.

Diese Geschichte darf uns ermutigen, uns selbst die Wirkung zuzuerkennen, die wir haben können. Wo werden Sie diese Woche gebraucht? Wir müssen nicht nach Kenia zu reisen, um Mut und Zeit für andere Menschen aufzubringen.

Mittlerweile war sie bei einigen Einsätzen in Krisengebieten vor Ort, darunter auch in Syrien und im Libanon. Immer wieder stellte sie sich Fragen zum „inneren Krieg“ und „friedlichen Gedanken“ – das hat sie schließlich zum Taoismus geführt. Als wir gemeinsam vor Gandhi‘s Ashram und dem Gandhi Museum in Ahmedabad standen, sprachen wir über inneren Frieden. Der Satz ihres Lehrers klingt in mir immer noch nach: „Make the world your temple.“

Sarah ist taoistische Nonne geworden und hat mehrere Jahre im Tempel gelebt. Mittlerweile unterrichtet sie Tai-Chi und Qigong auf der ganzen Welt. Diese Wirkschafferin ist auch eine Lehrmeisterin des Minimalismus für mich, denn ihr ganzes Hab und Gut passt in einen Rucksack.

8 wirkungsvollen Gedanken – inspiriert von Sarah und ihrem Wirken:

  1. Das Äußere sagt nicht über unsere Stärke aus.
  2. Lassen wir uns nicht von zaghaften Stimmen täuschen. Die wahre Kraft eines Menschen zeigt sich in seinen Taten.
  3. Weniger werten für weniger Konflikte.
  4. Konflikte tragen wir auch im Inneren aus. Wir dürfen hinsehen und uns friedlich stimmen.
  5. Frieden startet im Inneren.
  6. Als Mensch kann ich etwas bewegen – mit Mut, Hingabe und dem Vermögen, Dinge zu fühlen, mitzufühlen und eine Unterstützung zu sein.
  7. Stellen Sie sich die Frage: „Wie viele Rücksäcke bräuchte ich für mein ganzes Hab und Gut?“
  8. Und: „Wo werde ich gerade am meisten gebraucht?“

 

Über die Autorin und Wirkschafferin

Ing. Mag. Nicole Hobiger-Klimes ist Business- und Leadership-Coachin, Ausbilderin für Meditation & Achtsamkeit, mehrfache Journal-Autorin sowie Unternehmensberaterin. Ihre Spezialgebiete: Stille und Selbstführung! Mit der Rede „Stille lügt nicht“ gewann sie mehrfache Awards (2021). Mit ihren Masterminds bietet sie Selbständigen ein Netzwerk und berufliches Sprungbrett. Früher hat die ehemalige Karate-Sportlerin für die Menschenrechtsaktivistin Waris Dirie gearbeitet. Heute setzt sie selbst mit ihrer Plattform DIE WIRKSCHAFFER:INNEN ein Zeichen für Female Empowerment.