Wir Frauen

Der Schritt in die Arbeitswelt ist ein ganz einschneidendes Erlebnis im Leben eines jeden Einzelnen. Oft ist es verbunden mit dem Auszug aus dem Elternhaus, vielleicht sogar mit einem größeren Ortswechsel. Von heute auf morgen steht man auf eigenen Beinen. Alles ist neu. Diesen Schwung sollte man nutzen, um durchzustarten, denn jedeR weiß, dass der Reiz des Neuen auch schnell wieder verpuffen kann.

Deshalb empfinde ich es als essenziell, sich Ziele zu setzen – um nachhaltig im Alltags- und Arbeitswahnsinn Fuß zu fassen. 

Ziele zu verfolgen kann mitunter ein großes und spannendes Lebensabenteuer sein. Man begegnet vielen interessanten Persönlichkeiten, ist ständig am Lernen und langweilt sich eher selten. Aber (und es ist ein überdimensional großes ABER) der Weg zum Ziel ist ein weiter.

Als Frau habe ich ohnehin das Gefühl, Ziele viel schwerer erreichen zu können, beziehungsweise viel langsamer, als meine männlichen Kollegen, gerade in meiner Branche. Das geflügelte Wort „Frauen sind nicht lustig“ wird zelebriert. Man lässt sie hin und wieder ran, aber nie so wirklich. Anstatt sich gegenseitig zu unterstützen und zu pushen, werden Steine in den Weg gelegt – frei nach dem Motto: Komm da mal drüber und dann sehen wir weiter.

Das erwartet Dich in diesem Artikel: 

Die Chance des Scheiterns

Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, doch sieht man sich die heimische Medienlandschaft genauer an, wird man nicht viele Frauen finden, die regelmäßig über den Bildschirm flimmern. Es wird auf Altes und Bewährtes gesetzt, anstatt mutig neue Wege zu gehen. Die diversen Veranstalter und Bühnen dieses Landes gehen da nicht anders vor. Jetzt redet man sich auf die Pandemie aus, dass es schwieriger geworden sei, die Säle zu füllen, was auch der Wahrheit entspricht, aber davor war es nicht anders. Es gab einige wenige, die regelmäßig Newcomern die Möglichkeit gegeben haben, sich auf der Bühne auszuprobieren, aber auch da vorzugsweise Männern.

In einer relativ kleinen Branche ist es wichtig, sich zu platzieren. Heißt konkret: sich seinen Platz suchen, ihn einnehmen und verteidigen. Das geht nur mit eiserner Disziplin und Durchhaltevermögen. Wenn ich auf alle Kommentare, Kritiken und abfälligen Herablassungen im Laufe meiner Karriere gehört hätte, dann hätte ich bereits an Tag Eins aufgeben müssen. Ich bin der festen Überzeugung, dass die großen Namen des Kabaretts nicht an ihrem ersten Tag und auch nicht in ihrem ersten Jahr Glanzstunden auf der Bühne vollbracht haben. Dieser Beruf ist geprägt durch Erfahrungen. Und diese Erfahrungen macht man nur, indem man spielt. Scheitern gehört ebenso dazu. Man scheitert oft, bevor man herausfindet, was auf der Bühne funktioniert und was nicht.

Solange wir Frauen aber nicht die Gelegenheiten bekommen, zu scheitern und alle Erfahrungen zu machen, die Männer automatisch machen dürfen, weil man einem Mann einfach mehr verzeiht, wenn mal etwas nicht so gut läuft – dann wird sich an dem Vorurteil unserem Geschlecht gegenüber nichts ändern. Solange nur eine Frau unter fünf Männern in einer Sendung sitzt oder in einer Mixed Show auftritt, wird sich nichts ändern. Solange wir nicht das Bild nach außen maßgeblich mitbestimmen und beeinflussen können, wird sich nichts ändern.

Rauf auf die Bühne!

Was tun? Herumsitzen und jammern? Sicher nicht! Hier trennt sich meist die Spreu vom Weizen. Will man nur das schnelle Geld machen oder berühmt werden, wird die Karriere nicht lange dauern. Zugegeben, man muss schon ein wenig verrückt sein, wenn man sich für diesen Beruf entscheidet, aber wer will schon normal sein?

„Selbst ist die Frau“ ist ebenso ein geflügelter Begriff und man muss ihn wörtlich nehmen.

Mein Tipp: Spielen, spielen, spielen … wo auch immer. Rauf auf die Mini-Bühnen dieses Landes. Kein Fest ist zu klein, kein Weg ist zu weit und sollte etwas einmal nicht so laufen, wie Du es Dir vorgestellt hast, ändere es beim nächsten Mal. Hol dir Hilfe von Menschen mit Erfahrung. Schau Dir Deine Kolleginnen und Kollegen an.

Ich habe versucht, so zu arbeiten wie ein Mann (ich maße mir hier sogar an, wahrscheinlich mehr getan zu haben, als ein Mann sich je antun würde). Ich habe teilweise versucht, auch so zu reden wie einer, um mir meinen Platz zu verdienen. Natürlich gibt es Grenzen für mich, die ich nie überschreiten würde, aber ich versuche, sie zu verschieben. Ich versuche, mich weniger zu entschuldigen, mich nicht dauernd für mein Tun zu rechtfertigen. Ich nehme mittlerweile kein Blatt mehr vor den Mund. Viele sind der Ansicht, es gibt Themen, da „schickt es sich nicht, als Frau darüber zu reden“. Da stellt sich mir sofort dir Frage: Sagt wer?

Ich nehme mir meinen Platz und sage mittlerweile öfter: Ich kann das. Selbst wenn ich vielleicht im tiefsten Inneren vorerst unsicher bin. Ich habe aufgehört, jedem und jeder gefallen zu wollen. Das ist unmöglich. Gerade als Frau kann man es nie allen recht machen. Ich befürchte, der Druck, der auf uns Frauen ausgeübt wird, perfekt sein zu müssen, wird auch in den nächsten Jahrzehnten nicht weniger werden. Social Media und Co. sind Fluch und Segen zugleich. Alles wird ständig und zu jeder Zeit bewertet. Frauen werden um ein Vielfaches strenger begutachtet. Liest man die Kommentare unter Kabarett- und Comedy-Seiten oder Fernsehformaten, dann werden fast ausschließlich die weiblichen Acts kritisiert, um nicht zu sagen, vernichtet.

Spricht man als Comedienne oder Kabarettistin direkt, ist man vulgär oder dumm. Spricht man eloquent, ist man besserwisserisch und arrogant. Hält man sich zurück, dann ist man unlustig oder unfähig. Spricht man aufgeweckt, ist man penetrant und hysterisch. Bei Männern wird das einfach als Typsache abgestempelt, Ende der Geschichte.

Mit Mut die Zukunft gestalten

Ich muss zugeben, dass ich manchmal müde werde, ständig auf die Diskriminierungen hinzuweisen, die in unserer Branche herrschen. Aber ich gebe nicht auf und werde weiterhin der Stachel im Hintern der Verantwortlichen sein. Viele dachten, nur weil ich jetzt eine größere Aufmerksamkeit aufgrund meiner Medienpräsenz genieße, dass ich die Dinge so hinnehme, aber das Gegenteil ist der Fall! Männer genießen 30 Jahre Vorlaufzeit, was Bühnen- und Fernsehauftritte angeht. Die ZuschauerInnen haben sich an sie „gewöhnt“. Wenn sich aber keine Gewohnheit einstellen kann, weil Frauen die Chancen nicht gegeben werden, wird es in diesem Jahrhundert nicht gelingen, eine Selbstverständlichkeit herzustellen. Solange es nicht „ganz normal“ ist, dass genauso viele Frauen wie Männer in Formaten sitzen, können wir tausend Mal lustiger sein, aber niemand wird es wissen.

Braucht es eine Quote? Leider muss ich darauf antworten: anscheinend schon. Ich bin zwar kein Fan davon, weil ich eigentlich der Überzeugung bin, dass Qualität sich durchsetzen muss und der oder die Bessere den Vortritt bekommen sollte. Doch wenn es sonst gar keine Chance gibt, sich präsentieren zu können, muss auf diese Maßnahme zurückgegriffen werden.

Wir brauchen auch die Hilfe von unseren männlichen Kollegen, damit wir ein Gleichgewicht herstellen können. Es braucht aber vor allem auch den Mut und das Durchhaltevermögen von vielen Frauen, die ihrer Kreativität freien Lauf lassen und sich von nichts und niemandem hemmen oder gar aufhalten lassen.

Ich zähle mich dazu und ich werde auch weiterhin andere ermutigen, es mir gleich zu tun.

Wir sind nicht nur hübsch und lieb, gutmütig und verständnisvoll, sondern klug und zielstrebig, klar und ehrgeizig und vieles, vieles mehr. Vor allem aber sind wir auch eines: lustig!

Die Autorin

CAROLINE ALTHANASIADIS

Kabarettistin | Autorin | Schauspielerin | Moderatorin
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Fotos: Caroline Althanasiadis

Die Bühne ist der Ort, wo sie sich schon immer am wohlsten fühlte. Logisch, dass sie am Konservatorium der Stadt Wien Musikalisches Unterhaltungstheater studierte. Nach vier Jahren ging es für sie auf die großen (und kleinen) Bühnen. Mit ihrem unvergleichlichen Witz begeistert sie ihr Publikum – als „Kernölamazone“ ist sie legendär. Aktuell moderiert sie das Vorabendquiz „Smart10“ im ORF. Sie schreibt über sich: „Ich tanze und lasse tanzen, schreibe und werde beschrieben, unterrichte und lerne täglich Neues. Und ich hoffe, dass es noch lange so weitergeht.“

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