Die oft vergessene Gruppe

Wenn ich neue Bekanntschaften schließe, fällt die Reaktion auf meinen Job sehr unterschiedlich aus. Sie geht von Neugierde („Wie ist das?“) bis nahezu Verehrung („Ich könnte das nie!“ oder „Man bekommt bestimmt viel zurück“). Ich bin Betreuerin für Menschen mit Behinderungen. Ehrlich gesagt kann ich die Bewunderung nicht verstehen und die Neugierde macht mich manchmal traurig. Beides zeigt, wie wenig Berührungspunkte die Allgemeinbevölkerung mit dieser Gruppe hat. Daher möchte ich in diesem Artikel von meiner Arbeit und meiner Motivation erzählen.

Das erwartet Dich in diesem Artikel: 

Mein Arbeitsalltag

Ich wuchs mit Menschen mit Behinderungen auf. Mein Onkel hat das Down-Syndrom, ein Mann mit einer kognitiven Behinderung (wie genau diese definiert war, ist mir nicht bekannt) kam in meiner Kindheit regelmäßig zu Besuch und trank mit meinen Eltern Kaffee, mit 17 Jahren machte ich meine ersten Praktika in Wohngemeinschaften.

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass sich die Menschen in dieser Gruppe untereinander so stark unterscheiden wie Menschen ohne Behinderungen. Sie haben ihre guten und schlechten Seiten, ihre Stärken und ihre Schwächen. Ich habe das Gefühl, als hätten Menschen durch diese wenigen Kontakte Berührungsängste oder sehen die Gruppe wie Kinder an.

Um diese mangelnden Berührungspunkte ein bisschen abzubauen, möchte ich kurz schildern, wie ein Arbeitsalltag von mir aussehen kann: Im Sinne der Normalisierung ist der Alltag ähnlich strukturiert wie bei Menschen ohne Behinderungen. Der Vormittag ist mit tagesstrukturierenden Maßnahmen gefüllt: Diese reichen von klassischen Beschäftigungstherapien wie Kreatives Gestalten oder Basale Stimulation bis hin zu richtigen Produktionen für die Industrie. Deshalb bin ich auch gegen das Taschengeld-System und für ein ordentliches Gehalt.

Am Nachmittag kommen sie zu uns in die Wohngemeinschaft. Dort werden klassische alltägliche Dinge gemacht wie Pflege, Einkaufen und Kochen. Nach dem Abendessen ziehen sich die meisten in ihr Zimmer zurück und hören Musik, schauen sich noch einen Film oder eine Serie an. An den Wochenenden unternehmen wir längere Ausflüge wie Besuche von Oster- und Weihnachtsmärkten, Zoos oder wir machen einfach ausgiebige Spaziergänge.

Freude und Herausforderungen

Es ist in der Theorie sehr simpel. Ich will jedoch nicht verbergen, dass der Job auch Herausforderungen mit sich bringt. Die Wohngemeinschaft, in der ich arbeite, ist bekannt für das herausfordernde Verhalten der KlientInnen, für das fremd- und autoaggressive Verhalten und für den hohen Betreuungs- und Pflegeaufwand. Die meisten sind non-verbal. Also erfordert es Interesse und Willen auf Seiten der BetreuerInnen, die individuellen Kommunikationsweisen der KlientInnen verstehen zu lernen.

Die Gruppe lehrt einen, dass es nicht Wörter braucht, um sich verständlich zu machen, und wie wichtig es ist, sich mitteilen zu können. Viel Frust entsteht, wenn gerade neue BetreuerInnen gewisse Gestiken oder Laute nicht oder nicht richtig interpretieren können. Das kommt aber mit dem Beziehungsaufbau und ich finde es oft lustig, wenn ich in einer Gruppe von Menschen stehe und ich verstehen kann, was mir einE KlientIn kommunizieren möchte, aber die Gruppe verwirrt ist.

Dann ist es die intensive Arbeit wert gewesen und man versteht wieder, warum man diesen Job macht. Wie zum Beispiel bei einem Badetag in der Therme Oberlaa, wenn eine Klientin beim ersten Wassergang angespannt war und nur geschrien hat, jedoch beim zweiten so entspannt ist, dass sie den Kopf auf meine Schulter ablegt.

Die Aussage „Man bekommt bestimmt viel zurück!“ stimmt wohl.

ELISABETH JETSCHGO

Betreuerin für Menschen mit Behinderungen | Gesundheitspsychologin | Klinische Psychologin
jetschgo

Sie ist neben ihrer Tätigkeit als Betreuerin für Menschen mit Behinderungen auch Gesundheitspsychologin und Klinische Psychologin. Zusätzlich zu der Tatsache, dass sie bereits in der Schule die Person war, zu der Leute gekommen sind, um ihre Sorgen abzuladen, war es auch die Neugierde auf das Leben anderer, die sie zu ihrem Berufsweg motiviert hat. „Menschen sind einfach etwas tolles und jeder und jede ist so einzigartig. Ich wundere mich oft, warum nicht alle so begeistert von Menschen sind.“

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