WOMAN Kolumne: Die Kunst, sich helfen zu lassen

Die Kunst, sich helfen zu lassen / WOMAN Magazin Ausgabe 04. November 2021 

 

Das schaffe ich schon! Augen zu – und durch. Das stemme ich allein. Sie kennen solche Sätze? Es sind tief verinnerlichte Mantras – verknüpft  mit der Idee, dass wir um jeden Preis stark sein müssen. Und zwar allein.

 

Zunächst ein paar Gedanken zu den beiden Polen „Geben und Nehmen“.  Selbst um Rat oder Unterstützung gefragt zu werden, gefällt uns meist. Wir genießen es, als kompetent und vertrauenswürdig wahrgenommen zu werden. Auf der anderen Seite sein – das wollen wir eher nicht. Wir wollen keinesfalls jene Person sein, die etwas braucht oder um Hilfe bitten muss. Sich von anderen Menschen helfen zu lassen – oder gar darum zu bitten, kostet Überwindung. Doch manchmal geht’s nicht anders. Mehr noch: Manchmal bringt uns der kleine Satz „Bitte hilf mir!“ um Lichtjahre weiter. Das habe ich früh gelernt. Ich war 17 Jahre alt, sehr gut in der Schule, doch das Fach Chemie habe ich nicht verstanden. Vor den Prüfungen war mir oft mulmig. Also tat ich etwas, was viele in der „Erwachsenenwelt“ als Schwäche ansehen würden. Jemanden um ein Lerntreffen bitten, der viel besser in Chemie war als ich. Es lohnte sich mehrfach.

 

Heute bin ich Achtsamkeitstrainerin – als diese sage ich: Es geht weder um ein „stark“ oder „schwach“ sein, sondern schlicht um das Wahrnehmen, was da ist. Weil alles, was gerade da ist, da sein darf. Die Stärke, die Schwäche, der Zweifel, die Überforderung – und, damit verbunden, das eigene Sein. Die ganze Bandbreite des Fühlens. Erst, wenn ich wahrnehmen kann, wie es mir geht und was sich zeigt, kann sich die richtige Handlungsalternative zeigen. Indem man sich zum Beispiel klar wird, dass es „allein“ nicht mehr geht, dass man eine helfende Hand braucht, einen Rat, die Weisheit eines anderen Menschen – egal, ob von Freunden oder Profis. Um Unterstützung zu bitten, ist eine Stärke. Es zeigt Größe. Wer das nicht kann, verpasst etwas. Außerdem: Wenn Geben und Nehmen in Balance bleiben, entsteht Wundervolles. Wie schön, wenn Stärke und Nachgiebigkeit Seite an Seite sein dürfen und für alles Platz ist, was der Mensch an Qualitäten hat. Wie schön ist es außerdem, die Sanftheit, das Anlehnen und das Annehmen von Wohltaten zu praktizieren.

 

Ich halte mich da an den bekannten Hirnforscher Gerald Hüther. Er sagt, dass wir für ein gelingendes Leben liebevoller zu uns selbst sein sollten. Dazu gehört auch das achtsame Erkennen, was wir brauchen. Es ist wie es ist. Manchmal schaffen wir etwas allein, manchmal benötigen wir den Rat oder die Tat eines Mitmenschen. Um Hilfe zu bitten, ist ein gelingender Akt der Selbstfürsorge, der Selbststeuerung und der Selbstliebe. Eine Therapeutin hat mir einmal erzählt, dass viele ihrer Klienten keine Therapie bräuchten, aber sie es sich trotzdem gönnen. Weil sie daran reifen. Ein spannender Ansatz. Ja, wir dürfen uns professionelle Begleitung von einem Therapeuten holen, wenn wir das Gefühl haben, das bringt uns weiter und hilft. Das ist meines Erachtens ebenso ein Akt der Selbstliebe. Und gilt auch für beruflichen Belange, bei denen ein Coaching oder eine Beratung beitragen kann, wieder klarer zu sehen. Das hat mitunter sogar präventiven Charakter, daher lautet meine Devise dazu: Besser früher als später. Denn ehrlich: Ist ein Mensch schwach oder verletzlich, wenn er für sich ein Karrierecoaching in Anspruch nimmt oder vor der Geburt eine Hebamme konsultiert? Nein – vielmehr ist er vorausschauend, motiviert, zielstrebig. Und er nützt den Moment der „Ratlosigkeit“, um in seinem Leben einen Schritt weiterzukommen.  Alles eine Sache der Bewertung – in unseren Köpfen. Und der Blickrichtung.

 

Außerdem sollten wir uns bewusst sein, dass auf diese Weise Netzwerke entstehen, in dessen Rahmen wir einander unterstützen und – helfend – austauschen können. Das schafft Bindung – und Verbindung. Miteinander sind wir stärker, je mehr wir interagieren, desto eher kann jeder einzelne seine Talente einbringen. Denken wir an die Kinder: Sind sie zu schwach, nur weil wir ihnen beim Schreibenlernen behilflich sind? Gar nicht. Viel eher würden wir sie als wissbegierig, unerschütterlich und motiviert beschreiben. Also reichen wir ihnen die Hand. Das sollte auch für Erwachsene gelten. Lassen wir uns also helfen – bei der Kindererziehung, bei der Autoreparatur, der Steuererklärung, aber auch bei der Persönlichkeitsentwicklung. Wir sind sehr, sehr viele Menschen auf diesem Planeten, wir müssen nicht alles können – und schon gar nicht allein. Gemeinsam sind wir stark – und gemeinsam haben wir auch viel mehr Spaß.