WOMAN Kolumne: Die Kunst, sich zu zeigen

Die Kunst, sich zu zeigen / WOMAN Magazin Ausgabe 23. September 2021 

 

Niemand kann die eigene Lebensbühne besteigen, außer Sie selbst. Ja, Sie sind es, der diesen Schritt „nach oben“ wagen muss. Bleibt dieser Schritt aus, bleibt die Bühne leer. Tatsächlich ist es aber so, dass viele Menschen lieber die zweite Geige spielen, obwohl sie die Hauptdarsteller ihres eigenen Stücks sein könnten. Richtig: Wer sich zeigt, wird angreifbar, setzt sich den Blicken anderer aus – wird verletzlich. Dann gehen wir lieber nach einem Schritt gleich vier zurück – um am Ende niemals von der Stelle zu kommen.  

 

Was verlangst du von dir? Hast du Angst vor dem, was du kannst, was noch kommt? Was du dir verdankst und ob du noch taugst? Vergiss nicht, du bist was du brauchst. 

 

 So lautet der Refrain im Song „Weiter als du denkst“ von den Fantastischen Vier. Um weiterzukommen, müssen wir uns bewegen, im Vertrauen, dass etwas in uns darauf wartet, gesehen zu werden. Das ist jener Stoff, aus dem Bestseller oder Kinofilme gemacht sind. Wenn sich Menschen etwas zutrauen, mutig sind, sich ins Licht stellen, dann fiebern wir mit und wünschen ihnen nur das Beste. Selbst Biografien sind immer dann besonders spannend, wenn sich jemand ins Neuland wagt. Ehrlich: Warum füllen wir die Podcasts dieser Welt nicht mit unseren Lebensgeschichten? Rauf und raus auf die Lebensbühne – ins Scheinwerferlicht. 

 

Jetzt sagen Sie vielleicht: Das kann ich nicht. Dafür bin ich nicht gemacht. Doch wenn nur eine einzige leise Stimme in Ihnen flüstert, dass es schön wäre, dort oben zu stehen, dann sollten Sie tun, was zu tun ist. Sagen, was Sie denken. Inspirieren Sie andere Menschen mit ihren Gedanken und Ihrem Erfahrungsschatz. Zeigen Sie sich authentisch, verletzlich und, ja, fehlbar: Auch darin besteht Glück. Weil es bedeutet, etwas mitzugestalten, beizusteuern, ein Teil von etwas zu sein. So beflügeln wir andere – und uns selbst zugleich.  

Ich bin überzeugt: mit kleinen und später größeren Schritten kann das jeder Mensch. Weil jeder eine Vielzahl von Möglichkeiten in sich trägt. Schade um jede verpasste Chance, das nicht zu zeigen. Schade um all jene Talente, Mutmacher, Zauberer, die irgendwo in der sicheren hinteren Reihe ihr Können verbergen. Es ist tatsächlich Gelegenheits-Glück (auch Chancenglück), das wir uns damit entgehen lassen. Deshalb mein Appell, endlich von den hinteren Reihen nach vorne zu steigen. Die Welt braucht Ideen und Visionen. Sagen wir also, was wir denken, wer wir sind, zeigen wir den Menschen da draußen unsere Herzensprojekte. Denn nur so ist gewährleistet, dass sie von jemandem unterstützt werden können. Behalten wir unsere Meinung im stillen Kämmerlein, kann auch keine Diskussion und auch kein fruchtbares Brainstorming entstehen. Wer zu seinen Werten steht, zu seinen Ideen vom Leben, wird glücklicher und zufriedener. 

 

Ich sage das auch deshalb, weil ich genau das gerade wagte. Ja, ich habe den Schritt auf meine „Lebensbühne“ getan. Und natürlich gab es Zweifler. Ich wurde gefragt, warum ich das unbedingt machen möchte. Ob ich nicht zu viel riskieren würde. Ob ich gut genug sei. Doch in mir brennt eine Botschaft, mit der ich das Leben anderer bereichern möchte. Und so bin ich motiviert, mich den großen Bühnen und Publikumsreihen dieser Welt zu stellen. Das verlangt mir sehr viel Mut ab. Am 11. September hat der 7. Österreichische Speaker Slam in Wien stattgefunden, ich war dabei, habe mir den Adrenalinkick verpasst und mich einer zehnköpfigen internationalen Jury gestellt. Dabei durfte ich wunderbare Menschen kennenlernen. Jeder der RednerInnen hatte eine Botschaft und war da, um zu inspirieren. Für alle ging es hier um eine Herzensangelegenheit, die sie teilen wollten, um die Welt ein bisschen mitzubewegen. Und im besten Fall besser für die Menschen zu machen. 

 

Klar, als ich mich dafür beworben habe, war mir etwas mulmig. Steht man aber dann im Finale, ist das mit Glücksgefühlen der besonderen Art verbunden. Ich empfinde das als großes Geschenk. Weil man sich etwas traut, die erste Geige spielt. Dieses Chancenglück, das Glück, eine Chance zu ergreifen, ließ ich mir nicht entgehen. Und ich gab mein Bestes, das Publikum zum Nachdenken anzuregen und zu inspirieren. Mein Programm trug den Titel: Stille lügt nicht. Ich trat also für die Stille ein. Barfuß. Weil man wenig braucht, um Stille zu meistern. Keine High Heels, keine Turnschuhe, keine Flipflops. So betrat ich die Bühne meines Lebens, spürte mit der Nervosität und Aufregung gleichzeitig in jeder Zelle auch Lebendigkeit und Neugierde. Und dieser Moment ist unbezahlbar, weil sich in wenigen Sekunden viel verändert.