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WOMAN Kolumne: Die Kunst, sich etwas zu trauen

Die Kunst, sich etwas zu trauen / WOMAN Magazin Ausgabe 26. August 2021 

 

Was wünschen Sie sich für die Welt – haben Sie darüber schon einmal nachgedacht? Ich erst vor Kurzem, als ich diese Frage im Rahmen eines Interviews gestellt bekam. Die Antwort war schnell da, aus dem Bauch heraus: Ich wünsche mir, dass wir uns alle mehr trauen. Dass wir mutiger sind. Dass wir sagen, was wir uns denken. Dass wir unsere Meinung wertschätzend vertreten. Und dass wir dazu stehen, wer und was wir sind. Also unseren Weg gehen. 

Das Schuljahr startet bald. Ganz ehrlich: Wäre es nicht wunderbar, würden unsere Kinder schon lernen, über den Rand hinaus zu malen oder gar zu denken? Dürfen wir uns mehr trauen oder halten wir es aus, gegen den Strom zu schwimmen? Die meisten von uns wissen gar nicht, dass es eine Option sein kann, nicht überall mitzutun, anders zu sein – couragiert und entschlossen. Zweifellos ist die Fähigkeit, sich anzupassen, von Vorteil – solange wir das bewusst tun, im Wissen, dass dieses Anpassen seinen Preis haben kann. Vor allem, wenn wir dafür etwas unterdrücken oder zurücklassen müssen, einen Teil von uns verdrängen, verstecken oder aufgeben, nur um nicht aufzufallen. Doch wir sind Individuen, jeder für sich ein Unikat. Kein Fingerabdruck gleicht dem anderen – und kein Mensch. Umso wichtiger finde ich es, „sein“ Ding zu machen. 

Als ich mein Institut QuantenSprung vor zehn Jahren gegründet habe, gab es kaum Ausbildungen oder Fortbildungen im Bereich Mediation und Achtsamkeit. Einige wichtige Kurse habe ich in Deutschland absolviert, weil sich in Österreich kein passendes Angebot fand. Seither hat sich viel getan, heute existieren zahlreiche Ausbildungen, das Thema liegt im Trend. Wie wundervoll, dass sich nun so viele Menschen für Achtsamkeit und Meditation interessieren. Damals aber hat mich ernsthaft jemand gefragt, ob ich jetzt in einer Sekte sei. Mein Weg galt als ungewöhnlich – und dennoch hatte ich den Mut, ihn zu gehen. Heute werde ich dafür belohnt. 

Doch was genau bedeutet Mut eigentlich? Ich erinnere mich noch sehr gut, als Helmuth Stöber, Gründer von voifesch.com, zu mir sagte: Mut heißt machen, umsetzen, tun. Dieser Satz ist zwar nicht von ihm, aber er ist mir unter die Haut gegangen. Weil er die Augen öffnet und zu Taten ermutigt. Anpacken ist gefragt.  

 

Das ist aber nur ein Aspekt. Mut bedeutet auch, sich nicht von den Meinungen anderer hin- und hergeworfen zu fühlen, sondern „bei sich“ zu bleiben – unabhängig vom Denken anderer. Und ja, das bedeutet auch, seine Meinung auszudrücken – auf Augenhöhe und vor allem wertschätzend-empathisch. „Don‘ be a punching ball“, hat mir mein indischer Meditationslehrer im Jahr 2011 auf den Weg mitgegeben. Dieses „Lösen“ von den Glaubenssätzen anderer, bedeutet natürlich, die Sicherheitsleine loszulassen, etwas zu riskieren. Was wir ernten? Authentizität!  

 

Eine Frage der Übung und, wieder einmal, Achtsamkeit: Denn meine eigene Meinung kann ich nur vertreten, wenn ich mir darüber klar bin, was in mir vorgeht, wie ich mich fühle, was ich denke und welche Haltung ich in mir trage.  Wichtig ist, sein Herz sprechen zu lassen. Die damit verbundene Ehrlichkeit mag nicht immer bequem sein – aber wer den Mut hat, zu sagen, was wirklich ist, ist echt. Wie befreiend es sein kann, anderen nichts mehr vormachen zu müssen und Menschen an seiner Seite zu wissen, die uns so nehmen können, wie wir wirklich sind. Mit unseren Schwächen, mit unserer Art, zu leben, mit Momenten, in denen wir nicht lustig sind, sondern einfach mal nur müde. Das genau macht die Qualität gelingender Freundschaften und Beziehungen aus. 

 

Eine Frage, die ich mir zum Thema „Mut“ gerne stelle, lautet: Wenn du für eine Woche den Mut der ganzen Welt zur Verfügung hättest, was würdest du tun?“ Ich liebe dieses Gedankenexperiment. Probieren Sie es doch einmal aus: Welche Bilder tauchen auf? Welche Ideen und Visionen? Schauen Sie gut hin, denn darin liegen kleine und große Erkenntnisse versteckt. Also was wollen Sie sich trauen? Wo gibt es bei Ihnen eine Enge, wo vielleicht gar keine sein muss? Eine Grenze, die weiter gesteckt werden kann? Eine Regel, die Sie sich vor vielen, vielen Jahren im Familiensystem abgeschaut haben und immer noch nachklingt. Allein durch diese Fragen treten Sie schon ein Stück weit aus dem gesteckten Rahmen heraus. Setzen Sie sich hin und Sie werden Ihre Antworten finden, in aller Stille, ganz bei sich – im Sinne dieser Zen-Weisheit: „Je leiser du wirst, desto mehr kannst du hören.” Noch besser: Kannst du DICH hören