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WOMAN Kolumne: Die Kunst, einfach nur zu sein

Die Kunst, einfach nur zu sein/ WOMAN Magazin Ausgabe 15. Juli 2021

 

Endlich nichts tun, in einer Sommerwiese sitzen, den Wolken beim Ziehen zusehen, einen Grashalm kauen. Oder still auf blaues Wasser schauen, dem Plätschern zuhören und merken, wie ein Schmetterling vorbeiflattert. So verlockend das klingen mag, vielen Menschen fällt das schwer.  Sie sind es nicht (mehr) gewöhnt, einfach nur zu sein – fühlen sich dabei passiv oder gar unproduktiv. Ich kenne das von mir selbst: Kaum sitze ich in einer freien Stunde auf der Terrasse meines Gartens, fällt mir auf, dass die Fliesen gar nicht mehr so sauber sind oder sich Unkraut im Hochbeet breit gemacht hat. Und der Rasen könnte auch gemäht werden!  Schon geht’s wieder los, mit dem Herumwerkeln. Wir nennen das dann „Freizeit“. Mit freier Zeit, im Sinne tiefen, passiven Entspannens, hat das aber meist wenig zu tun.  

 

Doch was genau ist Nichtstun? 

 

Zunächst ist wichtig zu wissen, dass es auf körperlicher Ebene keinen Stillstand gibt. Selbst wenn wir noch so ruhig dasitzen, die Augen schließen, uns fokussieren, passiert ständig etwas:  Unser Herz pumpt Blut durch den Körper, wir atmen, entgiften, verdauen, die Zellen erneuern sich, die Haare wachsen und wenn’s ganz gemein hergeht, bildet sich gerade ein fieser Mitesser auf der Stirn, über den wir uns anderntags dann doch eher ärgern. Der Organismus arbeitet ununterbrochen: 24 Stunden am Tag. Das ist nicht nichts.   

 

Wenn’s der Körper nicht kann, können wir es – zumindest mental? Dazu ein kurzer Blick in die Hirnforschung und auf den sperrigen Begriff „Default Mode Network“. Nein, das ist kein böser Chip im Kopf, sondern kann als neuronales Ruhe-Wunderwerk verstanden werden. Übersetzt würde es „Ruhezustandsnetzwerk“ heißen – damit ist eine Gruppe von Gehirnregionen gemeint, die erst dann aktiv werden, wenn wir nichts tun. Beim Lösen von Aufgaben werden sie deaktiviert. Immer wenn wir irgendwo in einer Hängematte liegen, uns durch den Tag träumen, Visionen entwickeln oder einfach nur den Blick schweifen lassen, ist dieses Ruhezustandsnetzwerk hochaktiv. Es ermöglicht reizunabhängiges Denken, ein Dahinschweifen der Gedanken. Darin liegt eine besondere Kraft.   

 

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass gelegentliches Nichtstun hilft, mich mental neu zu ordnen. Dabei stelle ich mir vor, dass ich meinem Gehirn bewusst Zeit gebe, Eindrücke zusammenzufügen, zu ordnen und im internen Datendschungel abzulegen. Pausen, Müßiggang und Tagträume tragen dazu bei, dass mein Geist klarer wird und produktiver arbeiten kann.  Auch Kreativität findet meist in den geistigen Ruhephasen ihre Wege und nicht, während wir drei berufliche Bälle gleichzeitig jonglieren, flach atmen und dabei künstlich lächeln, obwohl uns innerlich das Wasser bis zum Hals steht. Erst die Langeweile ist es, die zu neuen Geistesblitzen führt. Perfekte Lehrmeister sind diesbezüglich Kinder: Kaum ist kein Spielzeug da, wird einfach eines selbst gebaut oder was Neues erfunden. Und ja: Viele große Denker verdanken ihre Ideen oft Zeiten des mentalen Nichtstuns, der Langeweile. Wir sollten uns also viel öfter wegträumen, um danach besser um die Ecke zu denken oder neue Lösungen zu finden. Was dabei zählt, ist die Balance – ein fein abgestimmtes Gleichgewicht von Aktivität und Passivität. 

 

Also können wir auch im Urlaub darauf achten, ein gutes Maß an Tun und Nicht-Tun zu finden. Morgens surfen, vormittags Tennis spielen, nachmittags eine Stunde am Strand joggen und dann noch eine gesellige Rätselrallye: Das kann Spaß machen und lustig sein – aber nicht jeden Tag. Am besten, wir orientieren uns am Rhythmus der Meereswellen – am Kommen und Gehen als harmonisches Miteinander. Ähnliches gilt für den Umgang mit dem Smartphone:  Muss jedes Erlebnis als Story in die Online-Welt gejagt werden? Muss ich mich ununterbrochen per WhatsApp mit der Heimat verbinden? Muss ich bei jedem Sonnenuntergang ein Selfie knipsen?   

 

Gar nix muss, also weg damit. Mentale Ebbe statt Flut und den Moment nehmen, wie er ist. Das Leben fließen lassen, nicht eingreifen, nicht handeln, nur sein. Darauf können Sie sich bereits vor dem Urlaub mental einstellen, indem Sie sich vornehmen, nicht jede Sehenswürdigkeit abzuhaken oder sämtliche Tipps aus dem Reiseführer zu befolgen. Lassen Sie die To-Do-Liste daheim und folgen Sie endlich einmal nicht dem Motto Just do it!, sondern einem energiespendenden Don’t do it!.