WOMAN Kolumne: Von Momenten des Loslassens

Von Momenten des Loslassens / WOMAN Magazin Ausgabe 20. Mai 2021

 

Mein Glück passt auf einen Quadratmeter: Dessen wurde ich mir bewusst, als ich mit 99 anderen Personen bei einem zehntägigen Schweige-Retreat in einem Raum saß. Zehn Stunden lang – Tag für Tag. Meine Meditationsmatte maß 1 x 1 Meter. Da wurde mir klar: Platz genug, mehr brauche ich gerade nicht – alles andere ist Luxus. Aus der anfänglich empfundenen Enge wurde ein Gefühl von Weite und tiefer Zufriedenheit. Seitdem bin ich mir bewusst, dass das persönliche Glück nichts mit Dingen zu tun hat, die wir im Lauf eines Lebens ansammeln. Es sind vor allem Momente, die zählen – bewusst erlebte wertvolle Momente. Sie sind es, die wir in unseren mentalen Schatztruhen aufbewahren sollten. Damit sie immer griffbereit sind, wenn wir sie brauchen.

 

So, nun bin ich endlich bei einem meiner Lieblingsthemen gelandet: dem Ausmisten und Loslassen. Das Frühjahr ist eine wunderbare Zeit, um damit anzufangen. Jetzt können wir Platz für das Neue schaffen, für das, was kommt, was wachsen und werden möchte. Wie das geht? Ganz einfach: indem man es tut. Dafür entscheiden wir uns – und wenn der erste Schritt einmal getan ist, kommt der Rest meist wie von selbst.

 

„WENN DU ETWAS LOSLÄSST, bist du etwas glücklicher. Wenn du viel loslässt, bist du viel glücklicher. Wenn du ganz loslässt, bist du frei“,

lautet ein schöner Satz des Autors Deepak Chopra. Ein kurzer Moment des Innehaltens – atmen Sie ein, atmen Sie aus, und jetzt fragen Sie sich bitte: Was möchte ich loslassen? Was ist zu viel in meinem Leben? Was hat ausgedient? Woran halte ich unnötigerweise fest?

 

Das können Gegenstände sein, Gedanken, Lebenslügen und manchmal Menschen, die uns als Energieräuber das Leben erschweren. Gerade jetzt, nach dem Lockdown, wird vielen Menschen klar, wer wirklich gefehlt hat und wer nicht. Vielleicht hat der Abstand ein neues Licht auf Freundschaften geworfen. Nun offenbart sich, bei wem man in schwierigen Zeiten tatsächlich Kraft schöpfen kann und mit wem Austausch auf Herzensebene möglich ist. Ein Spruch besagt, dass es circa fünf Personen sind, die uns am meisten inspirieren. Wer sind diese Menschen? Hegen und pflegen Sie die Beziehungen zu ihnen, während Sie andere ziehen lassen …

 

NUN ABER ZU UNSEREN IDEEN,

Meinungen, Einstellungen: die weite Welt der Gedanken. „Wie bekomme ich all diese hartnäckigen Gedanken aus meinem Kopf?“, werde ich in meinen Seminaren oder bei der Meditationsausbildung oft gefragt. „Ganz einfach“, antworte ich dann: „Macht es wie bei Dingen, die ihr nicht mehr haben wollt. Nehmt sie wahr, schaut sie an, akzeptiert, was da ist, erkennt, was nützlich ist (und was nicht), und verabschiedet euch. Lasst es ziehen.“ Und tatsächlich: Einem Gedanken nicht nachzugehen, sich auf etwas anderes (Neues) zu konzentrieren oder einen angenehmeren zu denken, hat viele Parallelen zum Ausmisten eines Kleiderschranks. Denn auch hier schauen wir genau hin, lassen Altes los und machen für Neues Platz.

 

Im weitesten Sinn geht es darum, sich eine Oase zu schaffen – ob gedanklich oder im Umfeld. In dieser Oase gibt es vermehrt Dinge, die uns bereichern und inspirieren. Zum Beispiel ein Bild, das daran erinnert, eigene Träume zu verwirklichen. Eine Klangschale, die uns zur Meditation aufruft. Einen Bonsai, dessen Anblick uns beruhigt. Bücher, die wir lieben. Vieles, was wir im Lauf eines Lebens angesammelt haben, besitzen wir allerdings nur mehr der Gewohnheit wegen. Deshalb sollten wir der Frage nachgehen, was davon noch Wert hat. Brauchen wir all die Urlaubssouvenirs noch – oder sind sie nur mehr Staubfänger? Wie geht es uns, wenn wir die alten Fotos anschauen – ist da ein Glücksgefühl? Oder eher Traurigkeit, Schwere? Manchmal belasten uns Gegenstände, statt uns zu kräftigen oder zu motivieren. Wenn sie positive Emotionen hervorholen, dann dankend behalten. Falls nicht: Weg damit! Da ist es wichtig, ehrlich zu sich zu sein, ohne sich selbst zu bewerten oder zu verurteilen. Weil es immer ein bisschen Zeit braucht, um Vergangenes und Überlebtes gelassen zu entlassen. Doch auch hier gilt der lapidare Satz: Weniger ist mehr. In Räumen, die nicht vollgestopft sind, haben wir mehr Luft zum Atmen. Im Leerraum liegt die Kraft. Hier können wir innehalten, uns ausdehnen, neu erfinden – und erkennen, wer wir sind.